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„Hi Ren“  – ein Battle mit der inneren Stimme!

Zugegeben, als musikbegeisterter Mensch, der seine eigene musikalische Heimat in den späten 70er und 80er Jahren hat, erscheint mir die Musik der gegenwärtigen Künstler*innen häufig nichtssagend und austauschbar. Nur wenige Musiker*innen heben sich von diesem Einheitsbrei aus gesampelten Klassikern (meiner Jugend), Covern und Sing-Sang ab.  

Da taucht auf einmal wie aus dem Nichts dieser junge, völlig unbekannte Straßenmusiker namens „Ren“ auf, der mein Weltbild einer gegenwärtig ziemlich belanglosen Musikgeneration komplett ins Wanken bringt.  

Das Jahr 2023 hat gerade erst begonnen. Mein YouTube-Algorithmus schlägt mir den Song „Hi Ren“ eines Musikers namens Ren vor. „Hi Ren?“, denke ich. Nie gehört, aber immerhin hat der Song 5,1 Millionen Klicks innerhalb von fünf Wochen bekommen. Das ist ungewöhnlich und ich beschließe, mir das Ganze mal anzuhören.  

Am Ende des Videos sitze ich heulend auf dem Sofa und versuche zu verstehen, was gerade mit mir passiert ist. Ja, ja, ich weiß: Dieser Song ist ziemlich lang (9:19 min) und die Optik verstörend. Außerdem wird man den Song sicherlich nicht in Dauerschleife hören, aber trotzdem – er ist völlig neuartig und Ren haut mich mit seinem Gitarrenspiel, seinen Rap-/Gesangskünsten und der Aussage des Songs buchstäblich „aus den Socken“. 

Wer ist Ren? 

Ren Gill (geboren 1990) ist ein britischer Straßenmusiker, Multi-Instrumentalist, Rapper, Songwriter und Produzent, der in seiner Heimatstadt Brighton schon beachtliche Erfolge erzielt hat. Er gilt als „Geheimtipp“ und wird 2009 von Sony unter Vertrag genommen. Ihm scheint eine glänzende Karriere als Musiker bevorzustehen. 

Da wacht er nach eigenen Angaben eines Morgens mit heftigen, grippeähnlichen Symptomen auf, die sich auch nach mehreren Wochen nicht bessern. Die Ärzte sind ratlos und können keine Ursache für seine Symptome finden. Er wird gequält von massiven Schmerzen in seinen Beinen und Gelenken und dem Gefühl, nicht mehr „klar denken“ zu können. Sein Zustand verschlimmert sich, er wird mit vielen, starken Medikamenten behandelt. Nach Monaten diagnostiziert man bei ihm schließlich eine „Bipolare Störung“, die mit intermittierenden (immer wiederkehrenden) Psychosen einhergeht, sowie ein „chronisches Müdigkeitssyndrom“ („Fatigue“).  
Seinen Traum, als Musiker Karriere zu machen, muss er fallen lassen, denn Sony löst den Vertrag mit ihm nach einiger Zeit wieder auf.

Fast acht (!) Jahre ist Ren mehr oder weniger ans Bett gefesselt und verpasst nach eigenen Angaben die aufregendste Zeit seines Lebens in seinen Zwanzigern, während seine Freunde an ihren Karrieren basteln, die Welt bereisen, Partys und das Leben feiern. 

Eine Stammzellentherapie rettet ihm schließlich das Leben und er bekommt zum ersten Mal die wirkliche Diagnose für seine zahlreichen Symptome: Er hat „Borreliose“. Die Borreliose ist eine durch den Biss einer Zecke übertragene, bakterielle Krankheit, die man bei früher Diagnose gut behandeln kann. Dadurch, dass die Borreliose bei Ren jedoch nicht erkannt wird, kann sie in seinem Körper ungehindert wüten. Sie zerstört große Teile seines Immunsystems, und richtet Schäden sowohl in verschiedenen Organen und Gelenken als auch in Teilen seines Gehirns an.  

Worum geht es im Song „Hi Ren“? 

Ren spricht in diesem Song mit seinem „inneren Ich“ und lässt den Zuhörer an seinen Kämpfen mit sich selbst und mit den Zweifeln an seinem Plan, Musiker zu werden, teilhaben. Das ist manchmal schwer zu ertragen. Rens „innerer Kritiker“ will ihm weismachen, dass er als Musiker eigentlich nur das Material von anderen Musikern stiehlt und dass sein kreatives Schaffen wertlos ist. Rens „positive“ Stimme verteidigt seine Musik als wichtig für alle, die er mit seiner Kunst erreichen kann. Beide Stimmen versuchen, die jeweils andere Stimme zu übertrumpfen. Beide Stimmen erkennen aber auch, dass es keinen wirklichen Gewinner geben kann, denn sie gehören zu ein und derselben Person („We are one split in two“ „You got to kill you if, you want to kill me!“,I am you, you are me, I am you, Ren!“). 

Am Ende des Songs findet Ren sehr berührende, persönliche Worte über die Lehren, die er aus den Erfahrungen mit seiner Krankheit und den daraus resultierenden, psychischen Problemen gemacht hat: Jeder Mensch hat sowohl eine dunkle als auch eine helle Seite („We’re a coin with two different sides“) und wenn man beide Seiten in sich akzeptiert und lernt, „weicher“ zu werden, dann wird das Leben, auch mit einer psychischen Krankheit, leichter.  

Was mich an diesem Song und der beindruckenden Performance des Künstlers besonders berührt, ist die Tatsache, dass sich so viele Menschen mit dem Song identifizieren können. Sicher haben nicht alle von uns Erfahrungen mit Psychosen, Depressionen, Panikattacken, oder Ähnlichem gemacht. Doch wer kennt ihn nicht, diesen inneren Kritiker, der sich manchmal in unser Wesen schleicht und uns Dinge tun lässt, von denen wir genau wissen, dass sie nicht gut für uns sind, der uns mental herunterzieht oder die uns daran hindert, unsere Ziele zu verfolgen?  
Ren zeigt eindrücklich, dass diese Stimme zu uns gehört, weil wir nicht perfekt sind, sondern lernen müssen, unsere Schwächen zu akzeptieren. („We must not forget that we are human beings.“) 

Für mich ist dieser Song und seine visuelle Umsetzung eine Offenbarung: Live-Performance, Thriller, Konzert, Schauspiel, Philosophie- und Therapiestunde in einem. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen die Musik von Ren hören und dass seine Musik die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. 

Text: Antje Glenk 

Foto: Julia Doppelfeld

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